Dienstag, 26. August 2025

Scherz von Aus-Merz (2): "Kein Reichtum, nirgends?"*

Was schon seit 20 Jahren bekannt ist:

"Ein Grundgefühl hat sich in den letzten Jahren** erdumspannend verbreitet - stärker als zuvor: daß wir in einer ungerechten Welt leben, daß die Kluft zwischen Reichen und Armen noch tiefer werden wird und die Gefahren durch Kriege und Zerstörung der Umwelt noch größer. (...)
Aber ein großer Teil der Bevölkerung glaubt zugleich, daß nichts anderes übrig bleìbe, als marktradikale `Reformen´ hinzunehmen, die den Lohn-Abhängigen und sozial Schwächeren tief in die ohnehin fast leeren Taschen greifen und den Groß-Akteuren auf den internationalen Märkten reichlich geben - im Namen nationaler Standort-Konkurrenz oder des Standorts Europa.

Ein Mythos hat sich ausgebreitet. Es sei nichts mehr da für den Erhalt des Sozialstaats auf dem erreichten Niveau, schon gar nicht für verbesserte Leistungen oder gar für die angemessene Unterstützung der so genannten Entwicklungs-Länder im Kampf gegen Hunger, Armut, Krankheiten und Umwelt-Zerstörung. (...) Doch der verfügbare Reichtum erlaubt entgegen der vorherrschenden Meinung unter der Voraussetzung einer weitgehenden Richtungs-Änderung der Politik soziale und ökologische Reformen statt anti-sozialer Pseudo-Reformen. `Eine andere Welt ist möglich.´(...)

Wo bleibt der Reichtum, der aus steigender Arbeits-Produktivität, Ausbildung und Wissen von Millionen Erwerbs-Tätigen, aus der Einführung neuer Technologien, aus weltweiter Arbeits-Teilung, modernen Organisations-Strukturen und neuen Betriebsweisen erwächst?
Diese Frage nach dem Verbleib des allen offiziellen statistischen Angaben zufolge anschwellenden Reichtums wird schon deshalb in den öffentlichen Diskursen in der Regel verdrängt, weil der Reichtum selbst als ein Tabu-Thema [mit Intim-Schutz] behandelt wird. (...)

Zusammenzufassen ist die Antwort (...) auf die Frage danach, was künftig der Haupt-Inhalt des erstrebens-werten Reichtums sein soll: Kapital-Reichtum oder Human-Reichtum? Dekade um Dekade wächst der Reichtum der westlichen Welt an.(...)
Der aufgehäufte dingliche Reichtum und der bereits verfügbare Reichtum menschlicher Fähigkeiten und Wissens-Potentiale eröffnen eine Chance wie nie zuvor in der Geschichte. Sozial gleiche Teilhabe einer und eines jeden an den wesentlichen Bedingungen eines selbst-bestimmten Lebens in sozialer Sicherheit und Würde rückt für die heute lebenden jüngeren Generationen in den Bereich des Machbaren. (...)

Daß der Reichtum für die Wohlfahrt aller nicht ausreiche, ist ein Mythos, der dem Rückbau des Sozialen den Abwärts-Weg bahnen soll. Wohl aber wird dieser bereits eingeleitete Niedergang tatsächlich andauern, wenn der gesellschaftliche Reichtum weiter vorrangig in der Gestalt von Kapital-Reichtum vermehrt wird. (...) [Dieser] wird den Reichtum der Persönlichkeits-Entwicklung gleichzeitig durch Bildungs-Schranken, psychische Belastungen und fortschreitende Entsicherung, durch Krieg gegen Menschen und Natur ständig in Grenzen halten. Mehrung des Kapital-Reichtums führt zudem (...) für einen großen Teil der Bevölkerung [zu] Wohlfahrts-Verlusten, weil Rüstungs-Güter, umwelt-zerstörende Produkte und Produktions-Weisen, Vergeudung in der Wegwerf-Gesellschaft und Wirtschafts-Kriminalität zu Abzügen von den Bedingungen ihrer Selbst-Entfaltung führen."

So die "wissenschaftlich"-betuliche, aber schon damals klare Einsicht von D. Klein in "Milliardäre - Kassenleere. Rätselhafter Verbleib des anschwellenden Reichtums", ²2006.
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* D. Klein, a.a.O. (Hervorh. von mir)
** im Grund seit dem Thatcherismus, den Reaganomics und der De-Regulierung der Finanz-Märkte seit Ende der 1970er-Jahre

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