Mit einem Jahr Verspätung liefert eine nach Konsonanten und Tenor eindeutig "Pis"-polnische Jessica Szczakiel eine Doku zum 70-jährigen Jubiläum von "Warschaus ungeliebtem Wahrzeichen"*, dem "russischen Geschenk, das keins war", einem "Symbol der Unterwerfung unter die Sowjetunion", einem "Bauwerk, das ihnen aufgezwungen wurde", und zwar symbolisch ausgerechnet "von Stalin" (der aber 1953 ein Jahr nach Baubeginn und 2 Jahre vor der Eröffnung im Juli 1955 starb).
Bei "Stalinismus" denkt man sofort an Personen-Kult, Zentral-Macht, "Säuberungen", Zensur, Schau-Prozesse, Arbeitslager, Hinrichtungen usw. - die "stalinistische" Architektur hat jedoch keinerlei Anklänge an solche bösen Themen, auch wenn das in der Doku ständig angedeutet wird, obwohl fast alle Zeitzeugen von der "konservativen" Volkstümlichkeit** und alltäglich-praktischen Volks-Offenheit des Gebäudes schwärmen... Ähnlich widerspricht der anti-sowjetische Hintergrund-Kommentar zum angeblich "ungeliebten Wahrzeichen" in allem ständig den befragten Polen.
Was die "Unterwerfung unter die Sowjetunion" betrifft, erfährt man, daß der russische Architekt L. Rudnew sich einerseits vom "Empire State Building" und andererseits nach einer Rundreise von der historischen Architektur polnischer Städte hatte inspirieren lassen... Nachdem eiserne Anti-Kommunisten in den 90er-Jahren sogar den Abriß gefordert hatten (wie die rechte "Pis"-Partei bis heute) und große Teile des Palastes lange leerstanden, tut die Doku so, als würde seit der Unter-Denkmal-Schutz-Stellung 2007 die Kultur endlich dieses "Macht-Denkmal" erobern, während man vorher gehört hat, daß das Gebäude von Anfang an öffentliche Theater, Kinos, Museen, eine Bibliothek, ein Restaurant, Veranstaltungs- und Kongreß-Säle, und sogar ein Hallenbad und einen "Kinder- und Jugend-Palast" für alle möglichen Aktivitäten (ohne Eltern) beherbergte, von dem heutige Erwachsene noch die schönsten Erinnerungen haben... Es gibt neuerdings eine (offenbar ausländisch kuratierte) Galerie für "zeitgenössische" polnische Kunst, woran in der zensorischen "Volks-Republik" angeblich garnicht zu denken war - dafür war das ganze Gebäude, auch die Treppenhäuser von Theatern und Kinos, mit polnischen Kunstwerken geschmückt, und "kritische" Theater- und Musik-Produktionen, die auch im Westen Erfolg hatten, wurden gefördert. Bereits 1967 traten übrigens im Kongreß-Saal des Palasts die "Rolling Stones" vor 5000 Polen (mit Staats-feindlichem "I can´t get no satisfaction" usw.) auf - davon angeblich 3000 "Partei-Funktionäre" - die live-Aufnahmen vom Publikum sehen allerdings anders aus...
Was die "(Partei-)Herrschafts-Architektur" betrifft, ist die böse "Propaganda der Macht für Beständigkeit, Fortschritt und Sozialismus" einerseits durch die erwähnten sozialen Funktionen gerechtfertigt*** und andererseits von westlich-kapitalistischer Herrschafts-Architektur sowohl älteren, als auch neueren Datums, und sowohl klassisch-konservativer, als auch modernistischer Ästhetik in den Schatten gestellt****: ein klassizistisches Säulen-Portal z.B. hatte seit dem 19. Jahrhundert jede Berliner Miets-Kaserne, und sowieso jedes Rathaus, Gerichts-, Stadtrats-, Staats-Parlaments- und National-Gebäude in den "demokratischen" USA, und die Propaganda für "Beständigkeit, Fortschritt und Kapitalismus" ist offenbar noch fieser, raffinierter und unwiderstehlicher, wie man spätestens seit der Auflösung der Sowjetunion sieht.
Kurz: das ideologische, politische und "modernistische" Rumkritteln am Kultur-Palast ist genauso primitiver Anti-Kommunismus, wie das US-reaktionäre Rumkritteln an einer allgemeinen Kranken-Versicherung als des Teufels und "kommunistisch": ich bin lieber kranken-versichert und würde nach Warschau eigentlich mal nur wegen des Kultur-Palasts reisen...
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* "Arte", 6.9.2026 (zusätzl. Informationen von "Wikipedia": Kulturpalast)
** vgl. die "stalinistische" grandiose (Ost-) Berliner Karl-Marx-Allee (und im Gegensatz dazu die modern karierten Neo-"Bauhaus"-Schuh-Kartons des westberliner "Hansa-Viertels" und der aktuellen Warschauer Skyline, oder das beszczissene neue Warschauer Museum für moderne Kunst vis-á-vis des Palasts: siehe dazu meinen Eintrag vom 15.1.2025)
*** vgl. auch den (Ost-)Berliner "Palast der Republik", der zwar modern-häßlich war, aber auch Volks-offen mit Cafés und Friseur-Salons - nicht vom Volk abgeschottetes Regierungs-Gebäude nach westlichem Vorbild: (Ost-)Berlin hatte auch kein "Regierungs-Viertel", sondern die Regierung saß mitten zwischen den Wohnblocks der wieder aufgebauten Berliner Innenstadt
**** siehe z.B. die "NATO-Draht"-gesicherte "Bundes-Waschmaschine" (das mit leise erodierendem Beton an muslimische 2.-Hand-"Weiße-Ware"-Händler erinnernde "Bundes-Kanzler-Amt")